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Archiv für die Kategorie „Fankongress“

Beim Berliner Fankongress wird engagiert diskutiert. Das Thema Pyrotechnik haben die Verbände allerdings zuvor für tabu erklärt. Und die Polizei lässt sich als Gesprächspartner gar nicht erst blicken.

Als Umar Fredricks am Sonntagmorgen über den Fanalltag in Schottland berichtete, huschte ein Lächeln über das Gesicht vieler deutscher Fans. Als Celtic-Fan sei man oftmals Opfer von „Repression und merkwürdigen Polizeieinsätzen“ berichtete er. Und schloss mit einer anschaulichen Anekdote: „Kürzlich traf die Polizei in einer öffentlichen Toilette einen Betrunkenen an, der dort eingeschlafen war. Der bekam dann ein Stadionverbot für den Celtic Park.“

Der selig schlafende Trunkenbold dürfte es verkraftet haben: Er interessierte sich überhaupt nicht für Fußball.

Das Pyro-Thema überlagert alles

Stigmatisiert fühlen sich auch die deutschen Fans, die am Wochenende zum ersten von ihnen selbst organisierten Fankongress in Berlin zusammenkamen. Die Anhänger aus fast allen größeren Klubs, die meisten davon aus der Ultraszene, hätten gerne über das Thema Pyrotechnik diskutiert. Doch die Gespräche darüber sind definitiv beendet, wie alle Vertreter von Deutschem Fußball-Bund (DFB) und Deutscher Fußball Liga (DFL) in Berlin noch einmal betonten.„Wir können über alles reden, außer darüber“, betonte DFL-Geschäftsführer Holger Hieronymus vor Ort.

Die Erwartung der Organisatoren, dass die Veranstaltung mehr erbringen könnte als den Austausch von konträren Positionen, war damit früh ad acta gelegt – auch, weil andere Forderungen aus der Szene (fanfreundliche Anstoßzeiten, Preispolitik, mehr Bewegungsfreiheit am Spieltag) längst nicht mit der Vehemenz angesprochen wurden wie das offenbar alles überlagernde Pyrothema.

Medien wird undifferenzierte Berichterstattung vorgeworfen

„Wir finden es aber gar nicht so schlimm, dass DFB und DFL hier keine Versprechungen machen“, sagte Johannes Mähling vom Veranstalter „Pro Fans“. Ob die Dialogbereitschaft ernst gemeint sei, zeige sich zudem „ja eher im Alltag als auf Kongressen.“

Immerhin wurde so die Stimmung in einer Szene deutlich, die sich vom offiziellen Fußball offenbar schwer verkannt fühlt – nicht zuletzt von den Medien, denen dutzende Redner Panikmache und Gewaltfaszination vorwarfen. Die meisten jener, die den Medien vorhielten, undifferenziert und einseitig zu berichten, sprachen dabei reichlich undifferenziert über die Medien.

Und: Wer an beiden Tagen zuhörte, konnte den Eindruck gewinnen, als seien Fanausschreitungen wie beim Pokalspiel Dortmund gegen Dresden reine Medienerfindungen.

0,0015 Prozent verletzte Zuschauer

Allerdings gelang es manchem Redner, gut zu dokumentieren, an welchen Stellen die Berichterstattung tatsächlich unsachlich und sensationsheischend ausfiel. So berichtete ein Fan aus Hannover von der medialen Eskalation eines an sich eher „nicht so schlimmen“ Vorfalls. Auf der Rückfahrt von einem Auswärtsspiel habe einer der 500 Zugfahrer am Hannoveraner Bahnhof einen Böller gezündet. Die Pressemeldung der Polizei habe daraufhin „500 Fans“ und „Randale“ thematisiert, woraus wiederum eine Zeitung getitelt habe: „500 Fans randalieren am Bahnhof.“

Matthias Stein, Sprecher der Bundesarbeitsgemeinschaft der Fanprojekte, präsentierte Zahlen. Nach Angaben der „Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze“ (ZIS), die der Polizei in Nordrhein-Westfalen untergeordnet ist, hätten in der vergangenen Spielzeit siebzehneinhalb Millionen Menschen die Spiele besucht, die laut Polizeiangaben 846 Verletzten stellten einen Anteil von 0,0015 Prozent dar.

Auch der Anstieg im Vergleich zur Vorsaison (plus 62 Verletzte) sei ein reines Medienthema: „Diese Zahl bekomme ich schon durch einen gepflegten Einsatz von Pfefferspray zusammen.“ In die gleiche Kerbe – nach Ansicht der Fans rühren die meisten Verletzungen von überzogenen Polizeieinsätzen her – hieb auch Alexander Bosch von Amnesty International, der ebenfalls die Polizei kritisierte.

Die kommuniziere zu wenig und greife oft zu „einem wahllosen Einsatz von Pfefferspray“. Im Übrigen unterstütze Amnesty seit jeher die Forderung nach einer Kennzeichnungspflicht für Polizeibeamte, um Anzeigen gegen einzelne Beamte überhaupt ernsthaft verfolgen zu können.

Gerne hätte man darauf eine Replik der Polizei gehört – Gewerkschaftsvertreter betonen ja durchaus zu Recht, dass ihnen viele Fans vermummt entgegenträten. Doch die Polizei hatte in Gestalt der ZIS als einzige der eingeladenen Parteien am Tag vor Veranstaltungsbeginn aus „terminlichen Gründen“ abgesagt.

„Die Fans reichen die Hände“, konstatierte der Frankfurter Fananwalt Stefan Minden, „doch die greifen ins Leere.“

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